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Der Prolog

Der Prolog aus TAHIL — Chroniken von Golvamar. Frei zu lesen.

Am Anfang waren die Glonlam.

Niemand hat sie gesehen. Das ist das Erste, was man wissen muss. Vielleicht das Einzige, das sicher ist.

Sie ließen keine Bilder von sich zurück. Keine Throne. Keine Namen, die jemand aussprechen könnte.

Sie ließen die Welt zurück. Die Berge. Die Meere, deren Grund niemand kannte. Den Wald, der älter war als das Wort dafür.

Und die Völker.

Die Menschen, ungeduldig und findig. Die Magier, die das Unsichtbare lasen. Die Vilihl, die in den Stein gingen. Die Bolug, die den Wald kannten. Die Erelgier, ein filigranes Volk von Gelehrten.

Fünf Völker. Eine Welt. Dasselbe Recht, derselbe Himmel.
Gleich, so gut sich Gleichheit machen lässt.

Aber die Glonlam hatten die Welt nicht aus dem Nichts gemacht.

Vor allem anderen waren die Drachen gewesen. Das Urvolk. Sie waren da, als die Berge noch warm waren.

Ein Drache widerspricht nicht. Ein Drache wartet. Sie zogen sich zurück. In die Höhen, in die Lüfte, an die Ränder der neuen Welt. Sie sahen zu, wie die jungen Völker sie füllten.

Lange war das genug.

Lange.

Denn eines der fünf Völker war hungriger als die anderen. Die Glonlam hatten es nicht ins Gleichgewicht zwingen können. Die Menschen sahen die Drachen. Sie sahen nicht das Urvolk. Sie sahen, was in einem Drachen steckte und nicht hergegeben wurde, solange er lebte.

Das Blut. Die Tränen. Die Schuppen. Die Hörner.

Und die Eier. Vor allem die Eier. In ihnen lag ein Licht, das einen Menschen für eine Weile zu mehr machte, als er war.

Also jagten sie.

Die Drachen brannten ihre Schiffe aus dem Himmel. Die Menschen trieben ihre Speere in das Urvolk. Am Ende wusste keiner mehr, wann der Hass begonnen hatte.

Es war Brauch geworden. Es war Krieg.

Und dann, in einer Nacht, von der keine Chronik mehr berichtet, verschwanden die Drachen.

Nicht alle auf einmal. Erst einer. Dann mehr.

Sie zogen sich höher zurück, als sie je gezogen waren. Dorthin, wo nur Stein war und Kälte und Himmel. Der Himmel über Golvamar wurde leer.

Niemand sprach laut davon. Aussprechen hätte es wahr gemacht.

Aber der Hunger verschwand nicht mit ihnen.

Er blieb. Ungestillt. Und weil kein Urvolk mehr da war, an dem er sich abarbeiten konnte, wandte er sich nach innen.

Der Glanz des Königshauses verblasste. Er war aus Drachen gewachsen, und die Drachen waren fort. Was blieb, war die Gier. Und die Gier suchte sich einen neuen Herrn.

So stieg ein dunkler Herrscher aus dem Königshaus der Menschen auf.

Er trug keine Krone, die man kannte. Er führte kein Heer, das man zählen konnte.

Aber wohin er ging, wurde das Land leiser. Wurde die Erde unwilliger. Wurden die Wiegen leerer.

Bis ein Fluch auf der ganzen Welt lag. So still und so vollständig, dass die meisten ihn für das Wetter hielten. Oder für das Alter der Zeit.

Kinder wurden seltener geboren. Dann kaum noch.
Dann, an manchen Orten, gar nicht mehr.

Und der dunkle Herrscher suchte.

Er suchte die Drachen, hoch in den Bergen. Er suchte eine alte Linie, die ihm einmal entkommen war. Er schickte Augen aus, die wie Vögel aussahen und keine waren. Er setzte Zeichen an Türen, die in der Nacht jemanden riefen.

Er hatte Zeit. Mehr Zeit, als etwas Lebendiges haben sollte. Er ließ sie für sich arbeiten. Geduldig. Jahr um Jahr. Insel um Insel.

So stand es um die Welt, als die Geschichte begann, die hier erzählt wird.

Nicht in einem Palast. Nicht in den Bergen, wo die Drachen warteten. Nicht in den Hallen der Versteinerten.

Sondern in einem kleinen Hafendorf am Rand von allem.

In einer Nacht, in der ein Junge von einem Geruch geweckt wurde, den er nicht kannte.

Und über dessen Dächern sich der Rauch zusammenzog, als hätte er einen Willen.


Hier endet der Prolog. Die Geschichte selbst beginnt in Slam — in TAHIL, Band I der Chroniken von Golvamar.